Eine Beitrag von Michael Karjalainen-Dräger
FreiSein durch die Bezogenheit auf einen menschgewordenen Gott
Der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer, Autor zahlreicher Bücher – darunter „Von den hellen Farben der Seele“ oder „Das Leben ist besser als sein Ruf“ (zur Unsere Zeitenwende-Rezension) hat kürzlich ein weiteres Buch veröffentlicht. Unter dem Titel „Und wenn Gott wäre …“ unternimmt er auf knapp 130 Seiten den Versuch, die Existenz eines persönlichen, sogar menschgewordenen Gottes zu beweisen. Dabei kehrt er in seine Rolle als kirchlicher Seelsorger zurück, der er einmal als evangelischer Pfarrer auch war.
Und genau das ist aus meiner Sicht auch die Schwäche dieses Buch. Zum einen weicht er damit von einem Grundsatz seines großen Lehrmeisters Viktor E. Frankl ab, dem es sehr wichtig war, dem wissenschafts-dogmatischen Stadium der Psychotherapie treu zu bleiben und die Gottesfrage den Theologen zu überlassen, obwohl er selbst ein sehr spiritueller Mensch war, der seinen jüdischen Glauben auch praktizierte. Zum anderen sind seine Hinführungen zu diesem personifizierten Gott anders als von ihm beabsichtigt, zumindest für die Gruppe der von ihm adressierten Gottesleugner nicht beweiskräftig
genug. Seine Motivation, die er im Vorwort schildert, nämlich nicht als ehemaliger Pfarrer oder Missionar zu agieren, sondern aus dem Grund „weil die Frage nach dem, was trägt, die Frage nach Gott offensichtlich zu jedem Menschen gehört und daher unbedingt beachtet werden sollte“, ist zu sehr auf seine christliche Weltsicht reduziert – und wirkt leider doch missionarisch. Das zieht sich durch das ganze Buch mit dem Untertitel „Über Sinn, Zweifel und Wagnis, sich auf die Suche nach Gott einzulassen“, in dem er anderen Sichtweisen, in denen nicht ein Gott, sondern beispielsweise das Göttliche, ein Lebensurgrund, die Lebensenergie oder Ähnliches als Basis der menschlichen Existenz gelten, quasi die Berechtigung abspricht. Auch das mehrfach zitierte Paradoxon, dass die völlige Abhängigkeit von diesem Gott in die absolute Freiheit führt, mag sich mir nicht recht erschließen.
Die von Böschemeyer auf Basis von Frankls Logotherapie und Existenzanalyse gegründete Wertimagination, auf die er in seinen Ausführungen mit Hilfe von zahlreichen Beispielen aus seinem Leben und aus seiner psychotherapeutischen Praxis Bezug nimmt, ist als Mittel gedacht, um in sich alles, was man zu einem authentischen und sinnerfüllten Leben braucht, zu entdecken. Bei dieser Methode wird dem Unbewussten die entscheidende Rolle zugewiesen, dem man durch das Imaginieren innerer Bilder beizukommen versucht. Durch sie wird bewusst, „welche geistigen Kräfte unser Denken, Fühlen und Handeln
beeinflussen“. Auf dieser Basis lässt sich das Leben an „den immer schon in uns angelegten lebensbejahenden Werten“ ausrichten. Die Beschränkung des Buches auf den christlichen Gott widerspricht aus meiner Sicht diesen Grundsätzen. Auch wenn, wie das eine oder andere Beispiel zeigt, die Suche nach diesem Gott zum Thema der therapeutischen Sitzung wird,
allerdings immer angeregt durch den Autor selbst.
Machen wir einen Blick ins Buch:
Nach den einleitenden Worten, in denen u.a. darauf hingewiesen wird, dass sich alle großen geistigen Dinge denkerisch nicht beweisen lassen, versucht der Autor (s)eine Antwort auf die Frage „Wer oder was ist Gott“ zu geben, verweist auf die Spuren der Transzendenz im menschlichen Leben (Werteimagination, Träume, Staunen) und geht an Hand von Julian Barnes, Jean-Paul Sartre und der Bibel auf Missverständnisse, Zweifel, Ablehnungen und Ahnungen ein. Danach beschreibt Böschemeyer, was Gott uns bringen würde, wenn er denn existierte und nennt dabei Vorsehung, Frieden, Aussöhnung und inneren Halt.
Auch Wege zur Gotteserfahrung beschreibt der Autor, u.a. Liebe, Selbstvertrauen, Selbsterfahrung, das Geheimnis der Stille oder Gespräche mit erfahrenen Liebhabern Gottes. Ein weiterer Abschnitt ist der Frage nach dem höchsten Gut im menschlichen Leben gewidmet. Kritisch geprüft und hinterfragt werden Glück, Sinn, Liebe, Freiheit, Erfolg, Ruhm, Gesundheit, Familie und Selbstverwirklichung. Letztendlich bleibt für Böschemeyer nur der von ihm ins Zentrum all seiner Ausführungen
gestellte christliche Gott: „Denn ich bin inzwischen von jedem Zweifel frei, dass der lebendige Gott seine eigene Geschichte mit jedem von uns hat, glaubt er an ihn oder nicht. … mit dem lebendigen Gott zu leben bedeutet für mich die unsichtbare, wenngleich noch unvollkommene Vorwegnahme des Paradieses.“
Womit wir beim letzten Teil des Buches angekommen sind, das sich auf drei Seiten noch der Bedeutung des Gottesglaubens für Leben und Tod widmet, in denen der 86-jährige Autor bekennt, dass für ihn ein Leben nach dem Tod bei Gott Gewissheit ist. Den Lesern empfiehlt er, das Denken an den Tod nicht zu verdrängen, da dies unnötige Kraft koste. Vielmehr lohne es sich, „sich mit dem, was wir nicht kennen, vertraut zu machen.“ Wer hin und wieder an den Tod denke, „beachtet und achtet mehr
die Tage, die ihm das Leben schenkt.“
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Wert des Buches sich vor allem jenen zeigen wird, die, wie von Böschemeyer in seinem Vorwort definiert, „Antwort auf die Frage suchen, ob es (den christlichen, Anm.) Gott wirklich gibt, wer er denn wirklich ist und was wir von ihm erhoffen dürfen“ bzw. für die, „die die Suche nach Gott noch nicht aufgegeben haben.“ Skeptiker und auf andere Existenzgrundlagen bauende Menschen wird er mit seinen Worten eher nicht erreichen. Mir persönlich ist trotz meiner langjährigen Tätigkeit als Religionspädagoge im Pflichtschulbereich in Österreich und (oder doch gerade wegen?) meiner
katholischen Sozialisation eine über das Christentum hinausreichende Sichtweise auf den Urgrund des Daseins im Lauf meines Lebens wichtiger geworden. Oder, um es sinngemäß mit dem bekannten Benediktinermönch David Steindl-Rast zu sagen: Das Göttliche ist die Quelle, die viele Brunnen nährt.
Nachtrag vom 19.5.2026:
Wie mir der Tyrolia-Verlag mitgeteilt hat, ist Uwe Böschemeyer am 14.5.2026 verstorben. Das von mir rezensierte Buch wird daher als sein Vermächtnis angesehen.
Uwe Böschemeyer
Und wenn Gott wäre …
Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2026
ISBN 978 – 3 – 7022 – 4356 – 2
Bild: Tyroliaverlag
