Ein Beitrag von Christof Wackernagel
FreiSein durch Selbstbewusstsein, Phantasie und Lebensfreude in der Krise
„Wir buhlen doch nicht um die Anerkennung des Westens“, sagt Bocar Tourè, in Mali einer der höchsten Beamten des Justizministeriums, und schüttelt lächelnd den Kopf. „Wenn der Westen nicht sieht, was für Fortschritte wir in den letzten Jahren gemacht habe, ist das ein Problem des Westens, nicht unseres. Früher gab es in ganz Bamako gerade mal zwei Dialysegeräte, heute gibt es in jedem Stadtteil mehrere!“
Auch Abdoulay Kante, ein umtriebiger Ingenieur und Meister im Finden von Ersatzlösungen für fehlendes Baumaterial, amüsiert sich über das Bild der „Tubabs“ (der Weißen) von seinem Land. „Sie warten darauf, dass wir den Präsidenten stürzen, weil der Strom oft ausfällt“, er grinst spöttisch, „das Gegenteil ist der Fall! Wir wissen ja, dass unsere Nachbarländer keinen Strom mehr liefern, weil ihre korrupten Präsidenten sich von den Franzosen bezahlen lassen, während unserer die Franzosen rausgeschmissen hat. Je mehr Druck von außen kommt, desto mehr versammeln wir uns hinter Assimi!“ Wie die deutsche
Ex-Kanzlerin Angela Merkel wird der malische Präsident Assimi Goïta gerne bei seinem Vornamen genannt. „Es gibt für jede Notlage Lösungen, dann stellt man sich eben darauf ein“, fügt Kante Achsel zuckend hinzu; derartige Herausforderungen scheinen ihm sogar Vergnügen zu bereiten.
Wirklich alles verwerten
„Nachhaltigkeit“ ist ein Fremdwort – auch den winzigsten Rest zu verwerten ist Alltagsrealität. Die durch die Straßen
ziehenden, Fangen oder Fußball spielenden Kindergruppen lassen keine achtlos weggeworfene Plastikflasche liegen, sondern verkaufen sie für kleines Geld an Hausfrauen, die sie reinigen, mit selbst gemachten leckeren Ingwer- oder Hibiskussäften füllen und diesen, eisgekühlt in Schüsseln auf ihrem Kopf durch die Straßen tragend, durstigen Mitbürgern anbieten. Nägel werden gerade geklopft, metallene Getränkedosen zu Töpfen umgebaut, Essensreste werden von Passanten, meist Kindern
verzehrt.
Aminata Raki Coulibaly, gestandene Mutter von neun Kindern, von denen sieben überlebt haben und sie bereits zu sechsfacher
Großmutter machten, sind Haltungen wie Jammern oder Klagen unbekannt: „Wir sind arm, aber wir werden immer alle satt. Wenn es sonst nichts gibt, kratzen wir angebrannte Reisreste aus den Töpfen, lassen sie trocknen, mahlen sie im Mörser zu Pulver und vermischen das mit ein wenig Trockenmilch und Zucker – die Kinder lieben es!“ Und es schmeckt, das muss man zugeben, von dieser Koch- und Überlebenskünstlerin gewürzt, tatsächlich lecker.
Weiblicher Widerstand gegen Tradition und Mentalität
Awa Dembele, Autorin, Schauspielerin und YouTuberin prangert das schmarotzerhafte Verhalten eines Großteils der männlichen Bevölkerung ihres Landes an: „Wir Frauen arbeiten den ganzen Tag auf dem Markt, um unsere Familie zu ernähren, und die Männer sitzen zu Hause, schauen TV und trinken Tee“, erklärt sie in einem Videoclip und ruft ihre „afrikanischen Mütter und Schwestern“ dazu auf, „Widerstand zu leisten gegen diese Tradition und Mentalität“.
Ihre Freundin Ami Mariko verwirklicht dies praktisch: obwohl noch Schülerin, absolviert sie bereits eine Ausbildung als
Automechanikerin. Während die meisten jungen Frauen sich ständig auf sämtlichen sozialen Medien herzzerreißend schön geschminkt, auftoupiert und in Festtagsgewändern präsentieren, veröffentlicht Ami Videos, auf denen sie im ölverschmierten Blaumann unter Autokarosserien liegt oder mit zusammen gebissenen Zähnen festgerostete Schrauben von Autoreifen knackt.
Der staatliche malische Fernsehsender ORTM hatte sie bereits zweimal als leuchtendes Beispiel für die emanzipierte malische
Frau der Zukunft präsentiert, um die Wirksamkeit der antipatriarchalen, auf politische und ökonomische, Unabhängigkeit gerichtete Politik der gegenwärtigen Übergangsregierung zu demonstrieren.
Zusammen realisieren diese beiden jungen Frauen böse beißende Comédie-Videos, in denen sie Polygamie, altbackene Hierarchien und überholte familiäre Strukturen auf die Schippe nehmen. So sehr sie damit auf Regierungslinie liegen, so sehr werden sie gleichzeitig dafür angegriffen.
Sie werde vom anti-islamischen Ausland finanziert, wurde Awa vorgeworfen. Ami (17 Jahre) solle nicht kritisches Theater
machen, sondern endlich (!) heiraten und Kinder in die Welt setzen. Awa verlor jahrelang den Kontakt zu ihrer Familie, weil sie sich nicht zwangsverheiraten ließ, und auch Ami zog von zu Hause aus und wohnte bei Freunden, bis ihre Familie sich gesprächsbereit zeigte.
Kultur des Dialogs
So schwerwiegend die Probleme derartiger gesellschaftlicher Umbruchprozesse auch sein mögen – stärker prägt die in Mali tief verwurzelte Kultur des Dialogs. Egal um was es geht, unterschiedliche Auffassungen (auch von internationaler) Politik oder
Familienzwiste, man redet miteinander, hört einander zu und denkt darüber nach, was der andere sagt. Selbst wenn man nicht zu einem gemeinsamen Schluss kommt – niemand verurteilt den Andersdenkenden.
Im Falle Amis durfte sogar der weiße Nachbar an der dringlichen Diskussionsrunde teilnehmen, da er als Kunstschaffender
Kompetenz mitbrachte. Während die Mutter unentschlossen wirkte, war es vor allem die ältere Schwester, selbst schon Mutter, die auf Einhaltung von Zucht und Ordnung plädierte, vor allem Amis „dreckigen Männerberuf“ als Automechanikerin ablehnte, wohingegen der ältere Bruder, Angestellter einer chinesischen Moped-Firma darauf beharrte, dass Ami selbst über ihre Zukunft entscheiden können müsse – und sich dabei auf den von allen verehrten Interimspräsidenten Assimi Goïta berufen konnte.
Am Ende der über zwei Stunden dauernden Debatte wurde keine Entscheidung getroffen; erst nach drei Tagen Nachdenkens
entschied die Mutter, dass Amis Wünschen stattgegeben werden könne.
„Baroke“, das heißt übersetzt, miteinander reden, vermitteln.
„Gnade“ vor Recht
Ein zwar traditionell gekleideter, aber doch sichtbar weißer Mann fotografiert vom Rücksitz eines Motorradtaxis aus die
wunderschönen, in klassischer arabisch dezenter Architektur gestalteten, von Muammar al-Gaddafi finanzierten Regierungsgebäude am Flussufer des Nigers, während ein ebenfalls auf einem Motorrad fahrender Polizist ihn überholt – und zur Seite winkt.
„Mon père“, spricht er den Delinquenten milde tadelnd an, „fotografieren ist hier verboten“. „Warum?“ „Unser Land durchlebt
eine schwere Krise“, erklärt der Polizist geduldig, „das wissen Sie doch! Terroristen wollen die Neuformierung unserer Gesellschaft verhindern – wir müssen alle zusammenhalten und vorsichtig sein“. Die Aufnahmen des Regierungsgebäudes werden gelöscht, man schaut sich zusammen Fotos vom Markt, dem Niger oder am Straßenrand angebotenen Früchten, Kleidern oder Schuhen an. Der Polizist lobt deren Qualität, stimmt einer möglichen Veröffentlichung ausdrücklich zu, reicht zum Abschied freundlich lächelnd – und dem „Tschä koroba“ * eine gute Zeit wünschend – die Hand und fährt weiter.
Achtung vor allen Menschen
Ist ein solch altehrwürdiger, von Jung und Alt unabhängig von sozialem Stand geachteter Mensch im Begriff, in einen hoffnungslos überfüllten Kleinbus einzusteigen, schallt seiner „As-salamu alaykum“ Begrüßung der Insassen ein donnerndes „Aleikum Salam“ entgegen. Alle rücken bis zur Schmerzgrenze zusammen. Kinder setzen sich auf den Boden und er kommt zwischen zwei meist mütter- oder großmütterlichen Hinterteilen so fest zum sitzen, dass er gegen das heftige Schaukeln und Holpern des vorsintflutlichen „Sprinters“ gut abgefedert ist.
Noch bevor der jugendliche Schaffner, dessen Hose ganz modern so tief heruntergerutscht ist, dass seine halbe Unterhose
sichtbar wird, woran niemand Anstoß nimmt, an der offenen Schiebetür des Wagens halb außen hängend, mit der einen Hand sich innen festhaltend, mit der anderen Hand zweimal auf das Dach klopfend dem Fahrer das Zeichen zur Weiterfahrt gibt, entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch woher und wohin es geht, die neuesten politischen Gerüchte oder ob „Bayern“ besser sei als „Barcelona“.
Eine ältere Dame steht am Rande der viel befahrenen Ausfallstraße Route de Koulikoro, offensichtlich eine Lücke im reißenden
Strom der rasenden Autos abwartend. Ein junger Mopedfahrer hält an, stellt sein Gefährt ab, nimmt die alte Dame an die Hand. Er tritt einen halben Schritt auf die Straße und hebt den anderen Arm hoch über seinen Kopf. Sofort bremsen – in beiden Richtungen, auf allen vier Spuren – die Autos. Einige schalten die Warnblinkanlage an. Der junge Mann geleitet die Frau über die Straße und die Autos warten sogar noch so lange bis er wieder zurück bei seinem Fahrzeug ist.
Die Opfer des Kolonialismus
Bocar Tourè, der weise alte Mann, der schon viele malische Justizminister beriet, fällt zur Äußerung des französischen
Präsidenten Emmanuel Macron, die Afrikaner sollten für die Segnungen des Kolonialismus „dankbar“ sein, Willy Brandt ein. „Ihr großer Kanzler hat doch der Welt gezeigt, was sich gehört. Er hat sich beim jüdischen Volk entschuldigt, indem er vor dem Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen in Warschau einen Kniefall machte. Wenn Macron vor einem Mahnmal für die Opfer des Kolonialismus hier in Bamako einen Kniefall zu machen wünscht, um sich bei den Afrikanern für Massenmord, Sklaverei und Raub von Boden und Kunstschätzen zu entschuldigen: herzlich willkommen!“
Von Mail lernen
Awa Dembele besucht mich mit einem leckeren Bohnengericht in Zwiebelsoße – in der Mitte ein Stück Hammelfleisch. Wir
essen bedachtsam mit den Händen aus einer Schüssel, gegen Ende nimmt Awa das Stück Fleisch, teilt es in zwei Hälften und schiebt die eine sich, die andere mir in den Mund. Wir lächeln. Ich begleite sie zum Bus und wir laufen durch staubige Straßen voller schwatzender Menschen, spielenden Kindern, Hunden, Ziegen und Hühnern an Ami Marikos Autowerkstatt vorbei. Überall grüßt man sich, hie und da wechselt man ein paar Worte … Leben in Bamako.
Zu Besuch in München. Ich sitze in der U-Bahn zwischen Menschen mit trotzig-traurigen Mundwinkeln, Kopfhörer-besetzten, nach innen gerichteten Blicken, über ihre kleinen Fetische gebeugten Rücken sowie extra markierten Plätzen für Alte und
Behinderte. Kein Mensch spricht miteinander. Im Supermarkt begegne ich zornig beleidigten Menschen, die „Alles Betrug! Viel zu teuer!“ schimpfen, während sie ihre mitgebrachten Zettelaufgaben eilig abarbeiten. Mich befällt Ratlosigkeit vor dem Regal mit 278 verschiedenen Kekssorten, die, nur aus Zucker und Weißmehl mit Geschmack bestehend, alle so eine ungeheuer aufwändige Verpackung haben, dass mirdurch den Anblick schlecht wird.
Vielleicht, denke ich auf dem Nachhauseweg, auf dem mir ein Mensch entgegenkommt, der sein Gesicht abwendet, sollte man es umgekehrt probieren:
‚Mali schickt Hilfsorganisationen nach Deutschland, die den Menschen dieses in humanistisch-sozialer Hinsicht Entwicklungslandes beibringen, wie man miteinander umzugehen hat, wie man in schwierigen Situationen den Kopf oben hält – und wie man trotz allem fröhlich bleibt.‘
* „Tschä Koroba“ bedeutet übersetzt „Alter Mann“. In Mali ist dies als Höflichkeitsbezeichnung gegenüber einer Respektsperson zu verstehen und etwa mit „Hochwürden“ zu vergleichen.
Fotocredits: Caravan Dialog of Cultures
