Ein Beitrag von Christof Wackernagel
FreiSein durch einen Downgrade des Lebens
„Wie?!“ Die besorgte Freundin aus Deutschland empört sich am Telefon. „Der Verteidigungsminister wird von Selbstmordattentätern umgebracht, überall im Land finden Angriffe auf Kasernen statt – und du zuckst nur mit den Achseln?“ „Nein“, entgegne ich, „der Tod dieses Menschen ist eine politische und humanitäre Katastrophe, wie sie leider auch auf der Wies’n oder einem Berliner Weihnachtsmarkt passieren könnte“. Ich reagiere darauf so, wie die Malier es tun: „Dohni, dohni“ (‚langsam, langsam‘), also keine Panik! Und ich tue vor allem das, was dieses Land so liebenswürdig macht: Ich suche mit allen anderen das Gespräch.“ „Bla bla! Das erklärt nicht, warum ein halbwegs vernünftiger Mensch wie du freiwillig in so einem verdreckten Armenhaus lebt!“ „Jetzt mach aber mal halblang und hör gut zu!“ Und dann erkläre ich der irritierten Freundin, was ich den Deutschen immer sage, wenn sie mich ausfragen. Warum wandert man freiwillig nach Mali aus? Hier meine Gründe.
I.
Ich kann mein Leben hier mehr genießen als in Deutschland. Ich kann den größten Teil des Jahres unter freiem Himmel schlafen, meine Mitmenschen haben immer gute Laune, jeder Tag bringt spannende Überraschungen, der Anblick der Frauen in ihren eleganten Kostümen erfreut das Auge, die von überall her tönende Musik schmeichelt dem Ohr, und das Dauerkonzert aus Menschenstimmen, Kinderlachen, Transistorradios, Vogelstimmen, Hühnergackern und Ziegengemecker streichelt das Herz: Gibt es Schöneres, als mit den Stimmen spielender Kinder einzuschlafen?
In Deutschland muss ich von ständigem Brummen des Autoverkehrs untermalte Totenstille verdrängen, um schlafen zu können. Und das ist wohl der traurigste Unterschied: In Mali lebt man, überspitzt gesagt, mit den Menschen, in Deutschland neben ihnen, in Mali ist Kommunikation oberste Priorität, in Deutschland ist die Funktion von Interesse.
Obwohl ich kein Moslem bin, lud mich der Imam der benachbarten Moschee „Salam“ ein, um mich nach dem Sonntagmorgen-Gebet über Lautsprecher im Viertel vorzustellen. Die Moschee war proppenvoll, alle hörten aufmerksam zu, manchmal durch beipflichtendes Gemurmel unterstrichen: Ich bin hier in Djoumanzana – dem Stadtteil der malischen Hauptstadt Bamako, wo ich lebe – mehr integriert als im Münchner Vorort Ottobrunn, meinem zwischenzeitlichen deutschen Wohnsitz. Dort bin ich als alleinerziehender Mittsiebziger eines über die Stränge schlagenden Mischlingskindes ein nutzloses Stück Alteisen, bestenfalls ein Kuriosum. Dagegen stellt hier in Mali ein alter Mensch allein schon aufgrund seines Alters eine Respektsperson dar, dem eine schwere Tasche von jungen Leuten abgenommen und nach Hause getragen wird, der in der Bank an der Warteschlange vorbei direkt zum Schalter gehen darf und für den in der Rushhour der Verkehr angehalten wird, um ihn sicher über die Straße geleiten zu können. Im Ottobrunner Bus 210 versuchte eine verzweifelte Mutter vergeblich, ihre sich die Fingernägel feilende Teenagertochter dazu zu bewegen, ihren Sitzplatz einer älteren Dame anzubieten.
In Deutschland fühle ich mich unausgesprochenem Zeitdruck, Leistungsdruck, Repräsentationsdruck ausgesetzt, spüre ich Erwartungen an mein Verhalten bis hin zur politischen Meinung, die, wenn nicht mainstreamgemäß, zu sozialer Ächtung führt. Schon im Flugzeug, als ich den afrikanischen Kontinent unter mir sah, die Sandwellen der Sahara, fiel die Hälfte all dieses Drucks ab. Erklären kann das keiner.
II.
„Was findest du an Mali besser als an Deutschland?“ Auf diese Frage antwortet mein in beiden Kulturen aufgewachsener Sohn wie aus der Pistole geschossen. „Die Aura!“ Er mag es selbst kaum glauben. „Diese Aura ist sooooo mächtig!“
„Kannst du konkrete Beispiele dafür nennen?“ „Ich kann mit allen Leuten reden und schließe meist schnell Freundschaften! Man kann auf der Straße Fußball spielen. Ich darf schon Motorrad fahren, obwohl ich erst 13 bin!“ Als mein Sohn mich neulich in die Stadt chauffierte, fragte er einen Polizisten nach dem Weg, und der mahnte ihn, gut auf mich aufzupassen. Und ja, auf nicht asphaltierten Straßen wird häufig Fußball gespielt – und, wenn ein Auto kommt, Platz gemacht. Mopeds schlängeln sich gewöhnlich durch, einmal wurde mir dabei der Hut vom Kopf gekickt. Kein Problem im Gegensatz zum Schild an einem Ottobrunner Kinderspielplatz: „Ballspielen verboten“. Spiegelt das wirklich die Mentalität eines 80-Millionen-Volkes?
Und ja, in Mali kommt man im Bus, im Wartesaal, auf dem Amt oder bei zufälligem Nebeneinandergehen ins Gespräch, und selbst, wenn man nicht gleich Freundschaft schließt, stellt man meist fest, dass man jemanden kennt, der einen kennt, den man auch kennt. Es wird zugehört und Interessantes berichtet. Wie menschlich reich wäre Deutschland, wenn es derart mit Zuwanderern umginge!
III.
All das sind zwar Äußerlichkeiten. Aber die sich in ihnen ausdrückende Haltung der Menschen ist es, die besagte Aura erzeugt. Wer sich einzulassen bereit ist, kann sie annehmen und eine Erfahrung machen, die seine Lebensqualität bereichert.
Mein Schreibpult ist an der Aussichtsplattform auf dem Dach meines Hauses befestigt. Mitten im Satz von Besuch unterbrochen, eile ich hinunter. Während ich den Gast begrüße, höre ich ein Krachen: Ein Windstoß hat den Rechner vom Pult geweht und drei Stockwerke tiefer auf dem Klinkerboden zerschellen lassen. Zu reparieren gibt es nichts, einen neuen kann ich mir im Moment nicht leisten.
Katastrophe? Nein. Ergänzt um eine externe Tastatur, schreibe ich diesen Text direkt in mein Telefon. Brauche ich wirklich zwei Geräte, die sich nur in der Größe unterscheiden? Ist es nicht nur viel teurer, sondern auch viel aufwendiger, ständig doppelt aufzuladen, zu synchronisieren, Zeit mit Updates zu verlieren und sich mit der unterschiedlichen Ausführungsweise der Programme herumzuschlagen?
Ich kann gut leben ohne Laptop, verzichte nicht darauf, sondern fühle mich befreit von Aufwand, der mir nur Lebenszeit raubt. Gilt das nicht genauso für sehr viele Dinge, vor allem Konsumgegenstände, mit denen wir uns beglücken wollen, die uns aber in Wirklichkeit durch den damit verbundenen Aufwand das Leben schwer machen?
Sind Erdbeeren nicht viel schmackhafter, wenn man ein Jahr darauf warten muss, als wenn man sie selbst an Weihnachten futtern kann? Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die in Kürze reifen Mangos denke – weiche, süß triefende Leckerbissen, nach deren Genuss man nie wieder das faserige, knochenharte „Mango“-Zeugs bei,,Aldilidledeka“ auch nur ansieht.
Ist diese grenzenlose Beliebigkeit etwa der Grund dafür, dass in den Supermärkten so viele verzweifelt schlecht gelaunte Menschen mit prall gefüllten Einkaufswagen herumlaufen? Meckern sie dauernd, weil sie vom Überangebot überfordert sind? Können sie ihr Leben nicht genießen, weil ihnen Besorgung, Behandlung und Verbrauch all der überflüssigen Dinge dazu keinen Raum lässt?
Wenn es mal eine Zeit lang keine Eier, kein Benzin oder keine Zitronen gibt: Lernt man nicht dadurch den Wert der Dinge wieder zu schätzen? Erzeugt etwa weniger Überfluss mehr Lebensfreude? Halten falsche Bedürfnisse vom richtigen Leben ab? Es ist diese Haltung, die das Leben hier so lebenswert macht.
Vielleicht sollten wir die malische Regierung bitten, uns Entwicklungshilfe zu leisten. Um richtiges Sozialverhalten zu lernen: Wie man richtig kommuniziert, wie man in Krisen den Kopf oben und gute Laune behält – anstatt darunter zu leiden, dass man eigentlich alles hat und einem doch nichts mehr schmeckt.
Fotoceredits: Caravan Dialog of Cultures
