Viel ist schon geschrieben und diskutiert worden im Hinblick auf Friedenserziehung und Friedenspädagogik. Das eine oder andere wurde auch intensiver erforscht. Dabei ging es vor allem um Friedensbildung, also wie Bildungseinrichtungen jungen, aber auch erwachsenen Menschen Frieden so nahebringen können, dass sie zu Frieden fähige und friedfertige Menschen werden. Verbunden wurde dieser Ansatz oft mit politischer Bildung. Hinterfragt wurde er sehr oft, weil er meist in den Widerspruch geriet zu einer als Verteidigungspolitik bezeichneten Maßnahme, die Sicherheit garantieren und damit auf einen möglichen Krieg vorbereiten soll. Jenen, die eine solche Sichtweise als Problem betrachten, wird vorgeworfen, dass sie einer Utopie aufsitzen, die im durchaus möglichen Ernstfall dazu führen würde, einem Gegner in einem bewaffneten Konflikt, wie Kriege gerne euphemistisch bezeichnet werden, absolut unterlegen und damit vollkommen ausgeliefert zu sein.
Wie so oft neigt der Mensch auch in diesem Fall dazu, Symptom und Ursache zu verwechseln. Jene, die davon profitieren, haben keinen Grund, hier für Aufklärung zu sorgen; die anderen sind sich dieser Fehleinschätzung nicht selten kaum oder gar nicht bewusst. Die genauere Betrachtung ist aber auch hier ein wichtiger erster Schritt, um jene Klarheit zu bekommen, auf deren Basis dann die notwendigen weiteren Schritte gesetzt werden können.
Beginnen wir bei der als Grundlage nötigen Anerkennung der Tatsache, dass Konflikte ein – wesentlicher – Teil des menschlichen Lebens sind. Hilfreich ist dabei auch die Unterscheidung von Begriffen, die für solche alltäglichen Vorkommnisse verwendet werden, und die Betrachtung von deren Herkunft bzw. ihrer ursprünglichen Bedeutung.
Konflikt ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen. Dort wurde es für die Bezeichnung eines Zusammenstoßes bzw. eines Kampfes verwendet. Im 18. Jahrhundert fand es laut etymologischer Forschung Eingang in die deutsche Sprache und wurde für die Benennung von Zusammenstoß und Auseinandersetzung, aber auch für inneren Zwiespalt und Widerstreit verwendet. Heute steht es vor allem für einen Zustand der Unverträglichkeit oder eine Streitigkeit, ebenso für einen inneren Widerstreit oder einen Zwiespalt.
Womit wir bei einem weiteren Wort angelangt sind, das unserer Forschung dienlich ist. Streit basiert auf dem alt- hochdeutschen „stritan“, das für eine Auseinandersetzung im Meinungsstreit, das Führen eines Rechtsstreits, aber auch für Zanken oder bewaffnetes Kämpfen und selten für Wetteifern stand. In der mittelhochdeutschen Weiterentwicklung „striten“ erhielt es zusätzlich Bedeutungen, nämlich nach etwas zu streben oder zu trachten sowie zu schreiten bzw. große Schritte zu machen. Heute verstehen wir darunter eine heftige, mit Worten ausgetragene Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren persönlichen Gegnern. Zudem kann der Begriff auch einen „mit Waffen geführten Kampf “ meinen, wie etwa im Begriff Streitkräfte erkennbar ist.
Wenn wir also davon ausgehen, dass Konflikt und Streit etwas sind, das die Menschheitsgeschichte begleitet und dementsprechend von Anfang an in die Sprache Eingang gefunden hat, dann hat es keinen Sinn, Konflikte vermeiden zu wollen. Tatsächlich führt eine solche Weigerung bloß dazu, dass diese irgendwann umso heftiger ausbrechen und ob ihrer Dynamik dann schnell destruktiv, also zerstörerisch werden. Diese Möglichkeit hat der Konfliktforscher Friedrich Glasl in seinem Konflikteskalationsmodell dargestellt. Darin beschreibt er die mögliche Entwicklung einer solchen Auseinandersetzung von der bloßen Meinungsverschiedenheit bis hin zur Katastrophe. Er teilt den Weg dorthin in 9 Stufen und 3 Ebenen; während auf Ebene 1 ein Miteinander, also eine win-win- Situation, noch möglich ist, gibt es auf Ebene 2 schon einen Verlierer (win-lose); auf der dritten Ebene sind nur noch Verlierer (lose-lose) zu finden, die letzte Stufe wird mit den Worten „gemeinsam in den Untergang“ drastisch dargestellt. Deutlich wird daran, dass es ein Leichtes ist, in einen solchen Teufelskreis zu geraten. Ebenso deutlich wird aber auch, wo es anzusetzen gilt, um eine Auseinandersetzung konstruktiv zu bewältigen.
Dabei hilft uns die Anerkennung der Tatsache, dass Menschen per se soziale Wesen sind, die einerseits aufeinander angewiesen, andererseits zur Kooperation fähig sind. Die Frage, die sich dabei stellt, ist jene, warum davon im menschlichen Zusammenleben so wenig zu sehen ist. Oftmals diktieren das Recht des (Meinungs-)Stärkeren, die Besserwisserei und das Einzelkämpfertum.
Eine der wesentlichsten Ursachen liegt wohl im bestehen- den Erziehungs- und Bildungssystem, in dem das Erlernen von Konfliktfähigkeit nicht an vorderster Stelle zu finden ist. Und wenn es doch einmal auf dem Stundenplan steht, dann handelt es sich bloß um eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema. In der Praxis aber, oft auch versteckter Lehr- oder Bildungsplan genannt, zeigt sich anhand der Prämissen des Systems bzw. der Vorbildwir- kung von Eltern und pädagogischen Fachkräften ein wenig konstruktiver Umgang mit Konflikten; um nur einige Beispiele aufzuzeigen: der elterliche Machtkampf mit dem Kind, die Benennung von Opfer und Täter, Unschuldigen und Schuldigen in einem Streit in der Kindertageseinrichtung oder der Schule, der faule Kompromiss oder das Diktat der eigenen Meinung bzw. des eigenen vermeintlichen Wissens. Diese Vorgangsweise wird von den Heranwach- senden internalisiert und zur Basis für deren Konflikt(un)fähigkeit, die wiederum die Wurzel für den Mangel an Friedfertigkeit und Friedensfähigkeit ist.
Ein wirklicher, dauerhafter Frieden ist nur möglich, wenn ich in der Lage bin, Konflikte aller Arten konstruktiv und – um es mit Glasl zu sagen – innerhalb der ersten 3 Stufen auf Ebene 1 des Konflikteskalationsmodells, bei denen alle Beteiligten noch als Gewinner hervorgehen können, zu bearbeiten und im Idealfall zu lösen. Auch diese Unterscheidung ist wichtig, denn wer sich eine Lösung zum Ziel setzt, in der alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen, wird sehr oft scheitern; wer aber bereit ist, einen Prozess der Bearbeitung zu beginnen, befindet sich auf einem in der Regel von Erfolg gekrönten Weg. Denn dieser Erfolg kann auch bedeuten, dass man sich darauf einigt, unter- schiedliche Meinungen zu haben und (vorerst) dabei zu bleiben, jedoch Abstand davon nimmt, den anderen von seiner eigenen Meinung zu überzeugen oder ihn aufgrund seiner anderen Sichtweise abzuwerten oder gar zu verurteilen. Letztendlich besteht ja auch die Möglichkeit, einander zukünftig – zumindest in der umstrittenen Thematik – aus dem Weg zu gehen.
Auch der in der Wissenschaft gebräuchliche Vorgang, dass es zu jeder These eine oder mehrere Antithesen gibt, die sogar als förderlich für die Entwicklung einer Synthese betrachtet werden sollten, kann auch im Konfliktfall äußerst gedeihlich sein. Zudem hilft es auch, die an der Auseinandersetzung Beteiligten nicht als Gegner, sondern als Partner zu sehen, mit denen man sich in einen wertschätzenden und respektvollen Widerstreit begibt, mit dem Ziel, gemeinsam ein noch besseres Ergebnis zu erzielen.
Verwechseln dürfen wir dabei auch nicht die Begriffe Kompromiss, Konsens oder Konsent. Während ein Konsens die letztendlich gewonnene gemeinsame Sichtweise beschreibt, kann ein Kompromiss auch faul sein; nämlich dann, wenn sich einer der Beteiligten am Ende doch ausgebootet und als Verlierer fühlt. Ein Konsent hingegen, wie er in der Soziokratie üblich ist, zeigt die Bereitschaft der Streiten- den, einer vorerst und vorläufig gefundenen Lösung keinen schwerwiegenden Einwand entgegen zu setzen. Der einfache Einwand wird dokumentiert und regelmäßig in der laufenden Evaluation berücksichtigt, so lange, bis er sich aufgelöst hat. Besteht dagegen ein von Anfang an schwerwiegender Einwand gegen einen Entscheidungsvorschlag, der das gesamte Projekt gefährdet, muss dieser Vorschlag so lange überarbeitet werden, bis nur mehr ein einfacher Widerspruch besteht. Diese Methode hat sich vor allem in kleinen Einheiten bewährt, ist also auch im Familien- und Bildungssystem ein probates Mittel für konstruktive Konfliktaustragung.
In dieser Methodik zeigt sich auch der Respekt vor dem Andersdenkenden, dem sogar die wichtige Rolle des Korrektivs zuerkannt wird. Dieser Respekt ist auch eine Haltung, die im Umgang mit Heranwachsenden ein absolutes Muss ist. Dazu müssen alle, die junge Menschen im Leben begleiten, die Bereitschaft haben, diese als vollwertige Menschen und als Subjekte zu betrachten. Wer meint, hier unreife Objekte vor sich zu haben, an denen so lange „herumgedoktert“ werden muss, bis sie im Sinne der Erwachsenen funktionieren, darf sich nicht wundern, wenn der sich dadurch aufbauende Widerstand in Aggression gegen andere oder – meist versteckt – gegen sich selbst zum Ausdruck kommt. Das aber ist die Wurzel aller kriegerischen Handlungen, die anderen Menschen, aber auch jedem selbst fürchterlich schaden, sowohl im Kleinen, also dem direkten Umfeld, wie im Großen, also unserem Gesellschaftssystem.
Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang auch die den Systemen innewohnende strukturelle Gewalt. Diese Strukturen sind so gestaltet, dass sie den Beteiligten nur begrenzte oder keinerlei Wahlmöglichkeiten bieten, wodurch sie auf eine sehr eingeschränkte Auswahl an Optionen festgelegt werden. Um ein Beispiel zu nennen: In einer Grundschule dürfen Kinder zwar darüber entscheiden, welche Klasse wann den Ballkäfig nutzen darf, bezüglich Gestaltung des Schulhofes oder gar die Inhalte des Lehrplans sind sie aber nicht entscheidungsberechtigt. Diese Form der Gewalt als eine der Ursachen für Kriegsbereitschaft zu erkennen und die Ergreifung notwendiger Schritte zu grundsätzlichen Veränderungen, ist eine weitere wesentliche Basis, um eine friedensfähige und friedfertige Gesellschaft zu ermöglichen.
Den Schlüssel für den Frieden haben, diesen Ausführungen nach, also jene in der Hand, die (jungen) Menschen zeigen, wie konstruktive Konfliktbearbeitung funktioniert. Sie sind damit aufgefordert, ihre persönliche Haltung zu hinterfragen, ihre Methodik zu überprüfen und ihr Verhalten in die beschriebene Richtung zu ändern, um tatsächlich zum guten Vorbild zu werden, an dem sich zukünftige Generationen orientieren können, zum Wohl für uns alle.
*Weitere Autoren in der Reihenfolge ihrer Beiträge:*
Dr. Martin J.F. Steiner, Mag. Daniela Lupp, Kerstin Chavent, Mag. Ortwin Rosner, Dr. Angelika Mayerhofer-Battlogg, Mag. Stephanie Grünberger, Mag. Walter Schönthaler, Tom-Oliver Regenauer, Mag. Elisabeth Mayerweck, Raymond Unger, Michael Karjalainen-Dräger, Dr. Peter Kolba, Wolfgang Effenberger, Prof. Dr. Dr. Martin Haditsch.
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