FreiSein durch die Menschwerdung des Göttlichen in uns
Beitrag von Michael Karjalainen-Dräger
Weihnachten ist im Lauf der letzten Jahr(zehnt)e immer mehr zu einem von vielen Konsumfesten geworden, wie wohl damit für die meisten Menschen des christlichen Westens dennoch hohe Erwartungen verbunden sind. Diese betreffen die Stimmung, das Familiäre und das Schenken bzw. Beschenkt-Werden.
Tatsächlich ist das Fest, an dem Christen sich der Geburt des Erlösers und Messias Jesus von Nazareth erinnern, an einer Zeitenwende platziert, genauer gesagt, der Wintersonnenwende. Kurz vorher erleben wir die längste Nacht des Jahres und mit ihr den Winterbeginn. An den Weihnachtsfeiertagen beginnen die Tage wieder länger zu werden, sie bezeugen quasi die Neugeburt des Lichtes. Während die Römer Sol invictus feierten, begannen Christen durch den Einfluss der entstehenden römisch-katholischen Kirche den Tagen ihre Bedeutung zu geben. Und so trat Jesus, getragen von der Geburtserzählung des Evangelisten Lukas, die zwischen 65 und 71 n. Chr. entstanden sein soll, an die Stelle der unsterblichen Sonne, um Jahrhunderte später dem Weihnachtsfest, wie wir es kennen, Sinn und Bedeutung zu geben. Dieses Gottesgeschenk animierte Menschen dazu, auch einander zu beschenken. Letzteres steht, angesichts der stetig schwindenden Wichtigkeit der Kirche, mittlerweile im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht wenige vermissen daher den Sinn des Festes, der ja tiefer liegt als in den aktuellen Ritualen.
Marianne Williamson hat sich in ihrem Webinar „The Metaphysics of Christmas“ dieser Sinnsuche angenommen und das Weihnachtsevangelium als Mythos zu deuten versucht, einer Erzählung also, die nicht Historisches wiedergibt, sondern dem Sinn und damit der Bedeutung für die Menschheit auf die Spur kommen will. Sie betrachtet – so wie es C.G. Jung im Rahmen der von ihm begründeten Tiefenpsychologie vorgegeben hat – das Geschehen als ein inneres, das sich in jedem Einzelnen abzuspielen und damit auch zu wirken vermag.
Alles beginnt mit der Bereitschaft von Maria, sich auf die Geburt von Jesus einzulassen. Ein Engel, ein Gottesbote, verkündet ihr die frohe Nachricht. Engel stehen für innere Stimmen, für Intuition, für eine Botschaft, die nur dann zu hören ist, wenn ich mich nach innen wende. Einmal gehört, kann diese natürlich auch verworfen werden – und in Zeiten wie diesen, wo die Ratio im Vordergrund steht, wo nur Fakten und Evidenzen zählen, gelten Menschen, die so sind, als aus der Norm gefallen. Also ist das nachfolgende Geschehen, das an Maria beispielhaft für uns alle abgehandelt wird, bereits am Anfang vom Unerhörtsein bedroht. Wer sich dennoch darauf einlässt, wird hören – und womöglich noch nicht verstehen –, dass etwas völlig Neues bereit ist, ins Leben zu treten. Ein göttliches Kind soll das Licht der Welt erblicken. Zu bedenken dabei ist, dass Schwangerschaft nichts explizit Weibliches sein muss. Man kann auch mit einer Idee schwanger gehen, ganz unabhängig vom biologischen Geschlecht. Und so erfahren die, die hören wollen, dass die Geburt eines neuen Bewusstseins bevorsteht, wenn man sich denn darauf einzulassen bereit ist. Maria ist es, aber sie macht darum noch keine großen Worte, sondern bewahrt diese Botschaft in ihrem Herzen. Ja, das Herz spielt bei all dem eine große Rolle, denn der Intellekt ist nicht in der Lage, das alles zu begreifen, ist seine Aufgabe doch das Zweifeln.
An die Seite Marias gesellt sich Josef, der mit dem fürsorglichen Selbst gleichzusetzen ist. Schön, wenn äußere Begleiter dazu kommen und den Weg zur Geburt des neuen Bewusstseins begleiten. Viel wichtiger aber ist die innere Disposition, sich trotz aller innerer und äußerer Zweifel auf diesen Weg der „Schwangerschaft“ einzulassen und sich auf die Geburt vorzubereiten. Es braucht auch den richtigen Ort, an dem sich diese dann im Außen zeigen kann, also muss auch noch der Weg gefunden werden, um diesen zu erreichen. Kein Wunder auch, dass die Menschwerdung dieses neuen Bewusstseins dann nicht inmitten der Gesellschaft passiert, sondern im Gegenteil, ganz im Stillen und an deren Rand.
Wir wechseln die Szene. In der Dunkelheit der Welt taucht da plötzlich ein Wandelstern, ein Komet auf. Dieser fällt zuerst den Hirten auf, als Menschen, die es gewohnt sind, für andere zu sorgen, dabei aber auch wissen, dass sie gut auf sich selbst aufpassen müssen, wollen sie nicht die gesamte Herde, also ihre Aufgabe, in Gefahr bringen. Sie erkennen die LeuchtKrkraft dieser himmlischen Botschaft und folgen ihr. Am Ende dieses Weges werden sie reich belohnt. Sie erkennen das neue Bewusstsein, das da durch Maria, also durch jeden von uns, der ihren Weg gegangen ist, in die Welt gesetzt wurde.
Dieses ist aber von Anfang an bedroht. Denn im Hintergrund lauert schon König Herodes, der das Ego-Bewusstsein verkörpert. Immer wenn das Selbst die Macht ergreifen will, ist das Ego in Gefahr, die Kontrolle zu verlieren, was es mit vielen, oft sogar mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Es braucht also dringend wieder die Selbst-Fürsorge von Josef und das Horchen auf die Intuition. In einem Traum wird diesem geboten, mit Maria einen anderen Weg zu nehmen, als den ursprünglich geplanten. Auch hier zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, die richtige Richtung einzuschlagen, wenn man des neuen Bewusstseins gewahr geworden ist.
Was aber will diese gewandelte Lebensgrundlage bewirken?
Zum einen gilt es zu beachten, dass man die Welt nur dann verändern kann, wenn man die eigene Sicht auf die Welt ändert. Zum anderen gilt es radikal umzukehren und der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen. Wer liebt – nämlich nicht nur das Gegenüber, sondern die gesamte Schöpfung – wird mitfühlend, wertschätzend und achtsam mit allem, was gegeben ist, umzugehen im Stande sein. Er wird sich der Tatsache bewusst werden, dass wir alle eins sind und dass die Trennung nur durch das Ego und den Verstand vollzogen wird. Dadurch erleben wir eine getrennte Welt, die doch im Grunde eins ist, wenn wir es denn zulassen.
Wer aus diesem Bewusstsein zu leben bereit ist, wird im Äußeren mit nicht unbeträchtlichen Widerständen zu rechnen haben. Wer aber das wahre Selbst, das durch Jesus verkörpert wird, im Herzen bewahrt, wird Wege finden, um diese Gefahren zu bestehen. Dieser Jesus bzw. sein Bewusstsein ist es auch, das uns Gegner umarmen lässt, das Vergebung ermöglicht und denen, die noch nicht so weit sind, Segen schenkt an Stelle von Verachtung, Ärger und Belehrung. Marianne Williamson empfiehlt in ihrem Webinar, diesen Jesus für sich arbeiten zu lassen und ihn in Gedanken zu denen zu schicken, mit denen man nicht klarkommt, um diese zu umarmen. Auch sollte jeder Morgen nicht mit den News oder den Gedanken an die Schwierigkeiten begonnen werden, sondern mit einem Segen für die ganze Welt.
„Und wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren“, wusste schon der christliche Mystiker Angelus Silesius das auszudrücken, was an Weihnachten essentiell wichtig ist. Auf diese Weise ist das Fest der Feste nicht bloß ein einmal jährlich stattfindendes Ereignis, es ist vielmehr an jedem Tag und zu jeder Stunde möglich. In diesen Tagen will uns genau diese Chance bewusst gemacht werden. Wir sollten sie nützen.
Diese Betrachtung basiert auf den Ausführungen von Marianne Williamson im Rahmen ihres Webinars „The Metaphysics of Christmas“.
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